Dafür bist du noch zu klein

Uff da ist sie, diese Frage, auf die ich keine Antwort habe.

„Mama, werden die Toten eigentlich von Maden gegessen?“

Schnell kommt mir ein „Ach Schatz, dafür bist du noch zu klein, das erkläre ich dir später“ über die Lippen.

Stille auf der anderen Seite des Bettes. Immer noch gucken mich diese großen blauen Augen fragend an und ich versuche weitere Worte zu finden. Gedanken steigen mir in den Kopf. Warum eigentlich nicht? Warum kann ich meinem Kind nicht erklären, was passiert, wenn jemand gestorben ist? Wenn sie dafür wirklich noch zu klein ist, warum stellt sie mir diese Frage dann und an welchem Tag wird sie groß genug sein, um ihr diese Frage zu beantworten?

Ich versuche zurück zu rudern. „Wie kommst du denn auf so etwas?“, frage ich.

„Das haben die Jungs im Kindergarten erzählt. Robert hat dann geweint, weil er nicht möchte, dass sein Opa von Maden gegessen wird.“

„Weißt du“, versuche ich einzulenken, „es ist so, dass jeder Mensch, jedes Tier und jede Pflanze einmal sterben müssen. Meistens wenn sie alt geworden sind, so wie Roberts Opa. Wenn Tiere sterben, liegen diese Körper manchmal im Wald, weil ja niemand da ist, um sie zu beerdigen. Wenn die da dann lange liegen, können sich Bakterien bilden, die andere Tiere krank machen können. Deswegen kommen kleine Fliegen zur Hilfe, die ihre Eier auf den Körpern ablegen. Die Babys der Fliegen helfen, dass der Körper schneller abgebaut wird, damit er niemanden krank machen kann. Wenn ein Mensch oder ein Tier jedoch beerdigt werden, können die kleinen Fliegen nicht helfen. Dort kommen sie nicht hin. Der Körper wird trotzdem nach einiger Zeit zu Erde werden. Nur die Knochen bleiben noch länger da.“

Zufrieden schaut sie mich an. „Okay, morgen werde ich das Robert und den anderen Jungs mal sagen. Dann muss er nicht mehr traurig sein!“ Und schon widmet sie sich ihrer Geschichte, die ich ihr heute Abend vorlesen werde.

Wir können also jede Frage kindgerecht verpacken und beantworten. Ein fremdbestimmtes „dafür bist du zu klein“ wird auf der Seite des Kindes Frustration und Vertrauensverlust nach sich ziehen.

„Wenn ich die Mama/den Papa nicht fragen kann, wer erklärt es mir dann?“ Kinder fühlen sich von solchen Aussagen zurückgewiesen und ausgeschlossen. Entmündigt muss es mit der Tatsache zurechtkommen, nicht selbst über sich bestimmen zu können.

Manchmal ist es mühevoll und dieser lapidare Satz kommt uns schnell über die Lippen. Jedoch ist es jede Mühe wert, wenn unsere Kinder sich dadurch von uns verstanden fühlen und jeder Zeit die Sicherheit haben können, dass wir ihnen zuhören und sie durch diese Welt begleiten.

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