Warum soll ich dich loslassen?

Muss ich dich wirklich loslassen?

Ein geliebter Mensch oder ein geliebtes Tier ist gestorben. Nicht mehr greifbar für uns, aber immer noch da. In unseren Gedanken und Gefühlen. Manchmal war der Abschied vorhersehbar. Manchmal kommt er ganz unerwartet und plötzlich. In beiden Fällen tut er verdammt weh. Für uns ist ab diesen Augenblick alles anders und trotzdem geht für alle Anderen um uns herum, das normale Leben, in seinem völlig gewohnten Gang weiter. Es gibt Menschen, die wissen um deine Trauer. Manche nehmen Anteil, andere, meist aus Scham, lieber nicht. Aber egal was die Menschen um dich herum sagen, deine Traurigkeit, die aus so viel Liebe entstanden ist, können sie dir nicht nehmen. Denn auch die Trauer gehört allein zu eurem gemeinsamen Weg.

So wie es der indische Philosoph „Osho“ beschrieb:

Traurigkeit bringt Tiefe,
Freude bringt Höhe.
Traurigkeit bringt Wurzeln,
Freude bringt Äste.
Freude ist wie ein Baum, der sich dem Himmel entgegenstreckt
Und Trauer ist die Wurzel, die in das Erdinnere hineinwächst.
Beides wird gebraucht.
Je höher ein Baum wächst, desto tiefer verwurzelt er sich in die Erde.
Das ist sein Gleichgewicht.

 

So ist jeder Weg ganz individuell, wie wir Menschen und unsere Beziehungen individuell sind. Und so passiert es, weil wir alle so unterschiedlich sind, dass wir uns trotzdem irgendwann anfangen zu vergleichen. Wir hören von Trauerphasen und warten sehnsüchtig darauf, dass etwas anders oder besser wird. Wir warten darauf, dass wir endlich loslassen können und unsere Gedanken wieder frei werden. Dabei wird bis heute, selbst in der Psychologie, darüber diskutiert, ob es diese Phasen in der beschriebenen Form überhaupt gibt. Wir sind weder Computer, noch Roboter und durch unsere Individualität bei weitem nicht so vorhersehbar, wie es manche Menschen in unserem Umfeld gern hätten.

So beruht das Model des Abschied-Nehmens und -Loslassens auf dem Gedanken von Siegmund Freud. In seinem Buch „Totem und Verlust“ beschreibt er, dass die Trauer eine ganz bestimmte psychische Aufgabe hätte. So soll sie „ die Erinnerung und Erwartungen der Überlebenden, von den Toten lösen“. (Freud, gesammelte Werke, Bd. IX, S. 82) Diese Werke schrieb er lange bevor er selbst einen persönlichen Verlust erlitt und echter- eigener Trauer- ausgesetzt war. Dieser Ansatz blieb jedoch bis in unsere Zeit tief in der psychologischen Praxis verankert. Bis heute bleibt es in unserer Gesellschaft still um die Toten. Schauen wir jedoch in andere Länder, erkennen wir, dass es weltweit große Unterschiede im Umgang mit Tod und Trauer gibt. In Mexico werden die verstorbenen Verwandten am 31.10. zum „Dias de los Muertos“ sogar zum Essen eingeladen. Dort besteht der Brauch, dass jemand erst wirklich gestorben ist, wenn niemand mehr an ihn denkt und keine Geschichten mehr erzählt werden.

Und so langsam verändert sich auch unsere psychologische Beratung. Roland Kachler beschreibt als Psychotherapeut in seinem Buch „Meine Trauer wird dich finden“ von einem komplett neuen Ansatz. Und dieser wird vielen von uns den Druck nehmen. Er beschreibt wie er selbst einen großen Verlust erlebte und wie er selbst erfahren musste, dass er nicht loslassen möchte. Unser oberstes Ziel sollte also nicht in erster Linie das Loslassen unserer Lieben sein. Unser Ziel ist es gemeinsam mit der Liebe und dem Schmerz zu leben und ihn als zukünftigen Teil von uns anzusehen. Unsere Lieben werden in unseren Geschichten und Bräuchen weiterleben. Wir müssen also gar nicht loslassen, wir dürfen unsere Erinnerungen behalten und auch neue gemeinsame Erinnerungen sammeln. Und niemand Außenstehendes hat das Recht zu beurteilen wann und wie ihr zu trauern habt.

Ein Kommentar

  1. Andrea Meineke sagt:

    Liebe Saskia, das ist sehr schön geschrieben, wie ich es auch empfinde. Ich umarme das Leben und den Tod… und die gestorbenen Liebsten bleiben ein liebgewordenen Teil in meinem Leben.

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